Ärzte-Latein ist Fachchinesisch

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Lange Rede kurzer Sinn. Mein Sohn leidet auch schon seit einiger Zeit an der sogenannten Geräuschempfind-lichkeit mit diversen Beschwerden. Ich kenne ihn fast nur noch mit seinen orangenen Ohrenstöpseln. Alles was lauter ist als eine Tür sanft ranzulehnen, empfindet er als störend. Selbst das Niesen muss man sich mittlerweile verkneifen. Wehe einer kippt mal die Fenster an, zack ist es wieder zu, weil ja in der Entfernung von etwa einem Kilometer die fahrenden Autos zu hören sind. Wehe jemand aus der Familie lacht lauter oder könnte den Versuch unternehmen, in seiner Anwesenheit zu saugen, versetzt den jungen Herren in Krisenstimmung. Irgendwie vermute ich schon eine Phonophobie (Geräuschallergie) bei ihm. Normal hört sich anders an.

Auf Drängen seines Vaters hab ich ihm einen HNO-Arzt-Termin besorgt. Im Vorfeld habe ich schon mal einige Detektiv-Arbeiten im www erledigt. Da ich selbst vor einiger Zeit an ähnlichen Symptomen litt, kam ich auf das Thema Misophonie, was zu deutsch Geräusch-Empfindlichkeit bedeutet.

Gestern Nachmittag war endlich der Termin. Bei der Empfangsdame angekommen, erfuhr ich, dass sein Termin gar nicht vermerkt war. Ich sah mich schon wieder nach Hause fahren. Aber wir durften bleiben und nahmen im kleinen, dunklen, überfüllten Wartezimmer Platz, wo sich alle Patienten durcheinander lautstark unterhielten. Naja – wir befanden uns ja beim Ohrenarzt, wo sich die meisten Patienten wahrscheinlich wegen ihrer Schwerhörigkeit behandeln lassen wollten. Anders konnte ich mir die gefühlten fünf Dezibel und die Geräuschkulisse nicht erklären. Hin und wieder wurde in längeren unregelmäßigen Abständen mal jemand aufgerufen, um nach spätestens fünf Minuten wieder auf seinem vorgewärmten Stuhl Platz zu nehmen. Nach 1,5 Stunden wurde dann endlich auch mein Sohn aufgerufen. Nach drei Minuten war auch er wieder da und holte sich von der Schwester einen Fragebogen über Hyperakusis, den er der Wahrheit entsprechend ausfüllen sollte, was wiederum für einen 15jährigen mit dem Schreiben einer Promotion gleichzusetzen war. Ich sollte auf seinen Wunsch Hilfe leisten, aber gerne doch, ich hab ihm die Fragen vom „arztchinesisch“ ins Deutsche übersetzt.

Nach einer weiteren halben Stunde verschwand er zum Hörtest, um nach weiteren zehn Minuten erneut für eine halbe Stunde das Klima des Wartezimmers aufzufrischen. Dann wurden wir endlich zum Doktor reingerufen. Der erkundigte sich nach den Beschwerden, tippte hin und wieder mal auf der Tastatur. Nebenbei schmiss er ein Fachwort nach dem nächsten in den Raum, wobei ich mich ähnlich fühlte, wie wenn ich spanische Musik höre, die Texte nicht verstehe, mich aber der Rhythmus inspiriert. Innerlich habe ich mich amüsiert und überlegt, was wohl diese ganzen lateinischen Bezeichnungen bedeuten würden. Ich überlegte den Doktor danach zu fragen, aber entschied mich doch dagegen. Immer wieder sprach meine innere Stimme: es könne nur Misophonie sein. Basta. Herr Dr. A. stellte zum Schluss fest, daß Paul nur Hyperakusis haben könnte, mit der man aber leben müsse. Sollten sich seine Beschwerden verstärken, möchte er sich wieder vorstellen.
Endlich war dieser Praxisbesuch beendet und ich wußte genau soviel wie vorher, denn ich habe nur eine Neuigkeit erfahren: Hyperakusis. Auf der Fahrt nach Hause grübelte ich immer wieder was wohl dieser Begriff bedeutet, obwohl ich jetzt im nachhinein feststellen muss, daß Hyper ja die Bezeichnung für mehr als normal ist, also über. In meiner Not googelte ich dann endlich zu Hause und fand als Erklärung die Geräuschempfindlichkeit. Wow für diese Erkenntnis habe ich den halben Nachmittag verschleudert. Ich wußte nach dem Arztbesuch genauso viel wie vorher, allerdings erfuhr ich so einen anderen Begriff für meine bereits bekannte „Misophonie“. Und übrigens gilt für alle, die entweder an Hyperakusis oder Misophonie leiden, dass sie hochsensibel sind, eine angeborene Charaktereigenschaft. Das Gehirn sogenannter Hochsensibler Personen (HSP) weist veränderte Gehirnstrukturen auf. Sie nehmen ihre Umwelt detailreicher und präziser wahr, sie verarbeiten Reize anders, jede gehörte und gesehene Wahrnehmung wird in viele Einzelstücke zerlegt. Dazu gibt es mehrere Studien. Kein Wunder, daß die „Zentrale“ irgendwann überreizt wird. Dann helfen wirklich nur noch Ohrstöpsel oder die Flucht an einen einsamen Ort.

Ärzte haben ein schweres Los gezogen. Sie behandeln nur Symptome und wissen nicht die Ursache der „Systemfehler“ des menschlichen Körpers und dafür haben sie jahrelang studiert. Traurig, zu dem ich aus dem priv. Umfeld weiß, welcher Número Klausus gilt, um überhaupt Medizin studieren zu können.

Wer mehr zum Thema wissen möchte, dem sei folgender Link empfohlen. Allerdings werden Sie da Dinge lesen, die so leider nicht mehr stimmen. Die Hyperakusiker/ Misophoniker / HSP leiden zudem an der Stoffwechselstörung HPU. Nähere Informationen dazu finden Sie unter einem anderen Artikel von mir.

Und wenn mich mal wieder ganz selten die Hyperakusis besucht, dann setze ich meine 🎧 Kopfhörer auf und genieße entspannende Musik. Das hilft auf jeden Fall.

Wer jedoch von Ihnen die offizielle wissenschaftliche Erklärung für dieses Phänomen nachlesen möchte, der findet im Anschluss einen Link.

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